Baffin Bay 2019

Einmal rund um die nördliche Baffin Bay, das war der Plan für unsere Sommerferien. Start und Ende dieser Reise war Kangerlussuaq in Grönland. Doch wie weit wir in den Norden fahren würden, war offen. Denn je mehr das Eis schmilzt, desto mehr ist es in Bewegung. Das führt letztlich dazu, dass höhere Temperaturen in gewissen Gebieten zu mehr Eis führen. 

Reisevorbereitungen

Es ist jedes Mal eine Herausforderung, bei 30°C die Winterkleider für eine Reise in die Arktis bereitzulegen. Doch aus Erfahrung wissen wir, dass man es bitter bereuen würde, sollte man Handschuhe und Mütze zuhause lassen. Die zweite Herausforderung ist jeweils das Einhalten der Gepäcklimiten. Bei den Koffern sind diese ausreichend grosszügig bemessen. Doch beim Handgepäck kommt man mit der Fotoausrüstung ziemlich rasch an Grenzen resp. Limiten. 

Sommerliches Kangerlussuaq

66°57'N | 50°58’W ● Kangerlussuaq | Greenland

Unsere Expedition in die Arktis startete in Hannover. Denn von dort startete unser Sonderflug mit Finnair nach Grönland. Auch die Flugzeug Crew war sichtlich aufgeregt, nach Grönland zu fliegen. Es sei erst das fünfte Mal, dass eine Finnair-Maschine nach Grönland fliege. Man habe daher zusätzlich zwei Supervisor und einen Mechaniker an Bord. Für den Fall der Fälle hätten wir eher ein umgekehrtes Verhältnis der zusätzlichen Fachkräfte gewählt... Nach einem wunderbaren Flug über die ost-grönländische Küste landeten wir im 18°C warmen Kangerlussuaq. Das ist selbst für den geschützten Ort, wo oft eine Art warmer Föhnwind bläst, unüblich warm. 

Für uns ging es mit einfachen Bussen direkt zum Hafen, der allerdings nicht viel mehr als eine kleine Pier ist. Und bei Ebbe ist das Wasser am Ende des Fjordes von Kangerlussuaq nur knapp 5 Meter tief. Das reicht gerade mal für die Tenderboote der neuen Hanseatic nature. Bereits die Einschiffung stimmte uns damit auf die bevorstehende Reise ein. Denn eine richtige Pier würden wir bestenfalls gegen Ende der Reise in Sisimiut sehen.

Eisberge

70°41'N | 51°27'W ● Uummannaq | Greenland

Nach einem wunderbar ruhigen Seetag in Richtung Norden erreichten wir die Insel Uummannaq. Das darauf liegende Dorf gilt als eines der schönsten Grönlands, weil die typischen bunten Häuser hier so schön in die Felsen gebaut sind. Uummannaq ist vor allem in Dänemark bekannt, weil hier in den 1970er Jahren eine Weihnacht-TV-Serie spielte. Während 24 Folgen musste der Weihnachtsmann aus seinem Sommerhaus gerettet werden... Wir unternahmen denn auch die landschaftlich schöne Wanderung bis zu diesem Sommerhaus. Der Weihnachtsmann war nicht zuhause, aber leckeres Weihnachtsgebäck hat die Crew der Hanseatic nature dennoch organisiert!

Über Mittag verholte das Schiff und brachte uns zu unserem Nachmittagsstopp auf der Wüsteninsel Storoen. Diese ist ursprünglich tief unter dem Meer als versteinerter Faulschlamm entstanden. Mangels Sauerstoff verbanden sich damals Schwefel und Eisen zu Pyrit. Nun an der salzigen Seeluft reagieren beide mit Sauerstoff. Der entstehende Rost und die Schwefelverbindungen lassen die Insel rot und gelb leuchten. Besonders fruchtbar scheint dieser Chemie-Cocktail aber nicht zu sein. Zum Reiz von Storoen trägt bei, dass dahinter eine wenig tiefe Meerenge liegt, in der zahlreiche Eisberge stranden. Das Gelb der Insel, das Blau des Wassers und Himmels und das Weiss der Eisberge ergibt einen wunderbaren Kontrast. 

Willkommen in Kanada

72°42'N | 77°59'W ● Pond Inlet | Nunavut | Canada

Wenn die See so richtig ruhige ist, fällt öfter mal die Bezeichnung "Ententeich". Dass die Baffin Bay sich bei der Überfahrt von Grönland nach Kanada von dieser (eher untypischen) Seite zeigte, war uns mehr als recht. So kamen wir nach einem entspannten Seetag in Pond Inlet auf Baffin Island an. Die Einheimischen scheinen den Kreuzfahrttourismus ziemlich satt zu haben und erlauben nur noch, dass Besucher in Gruppen durchs Dorf marschieren und keine Fotos machen. Wenn man Geschichten von Besuchern hört, die durch Fenster in Häuser rein fotografiert haben, versteht man die Locals irgendwie. Für uns war Pond Inlet "nur" ein notwendiger Stopp, um offiziell nach Kanada einzureisen. Das klappte auch reibungslos und so konnten wir besagten Rundgang durch den Ort machen. Wenn man im lokalen Supermarkt eine Cola-Dose für 5 kanadische Dollar oder eine Chips-Tüte für 12 Dollar sieht, kommt man schon etwas ins Grübeln. Denn die meisten Menschen hier werden sich diese Waren niemals leisten können, selbst wenn hin und wieder ein Schiff einige Einnahmen bringt. 

Eisbären-Frühstück

73°37'N | 88°40'W ● Prince Regent Inlet | Canada

Auf unserem Weg nach Norden machten wir einen kleinen Abstecher zum Eingang der Nordwestpassage. Das Prince Regent Inlet war noch ziemlich dicht mit Eis bedeckt. In einer solchen Umgebung hat man die grössten Chancen, Eisbären vom Schiff aus sehen zu können. Und als wir gerade beim Frühstück waren, lichtete sich der Nebel und vor dem Schiff tauchte ein ebenfalls frühstückender Eisbär auf. Er hatte eine Robbe erlegt und das für ihn so wichtige Fett bereits verspeist (resp. sich bis hinter die Ohren geschmiert). Nun schien er satt zu sein und auch unser Schiff störte ihn nicht. Was für ein Anblick. Der wieder aufziehende Nebel hüllte den Bären auf seiner Scholle in ein mystisches Licht bis er dann komplett aus unserer Sicht verschwand. Toll!

Am Nachmittag sichteten wir im Eis einen weiteren Eisbären. Dieser wollte mit uns aber gar nichts zu tun haben und lief auf seiner Scholle weg. Da stoppte der Kapitän selbstverständlich die Maschinen und wir warteten, bis der Eisbär in Ruhe das Weite gesucht hatte, bevor wir weiterfuhren. Denn bedrängen will man diese sowieso schon gefährdeten Tiere sicher nicht. So verbrachten wir einen wunderbaren Tag im Eis des Prince Regent Inlet.

No Man's Land

74°49'N | 83°9'W ● Devon Island | Nunavut | Canada

Devon Island ist die grösste komplett unbewohnte Insel der Welt. Doch bevor wir einen Fuss auf sie setzten, besuchten wir zuerst eine schöne Bucht mit einem Gletscher, die Croker Bay. Mit den Expeditionsschlauchbooten, den Zodiacs, fuhren wir entlang der Abbruchkante des Gletschers. Selbstverständlich muss man einen genügend grossen Abstand einhalten. Denn ein kalbender Gletscher ist keineswegs harmlos. Das abbrechende Eis kann einen Mini-Tsunami auslösen. Viel gefährlicher ist aber das berstende Eis, das wie eine Schrotladung weggeschleudert werden kann.

Am Nachmittag besuchten wir die ehemalige Station der Royal Canadian Mounted Police in Dundas Harbour auf Devon Island. Die alten Hütten sind noch erhalten. Die RCMP verfolgte hier oben aber keine Verbrecher, sondern wollte vor allem Präsenz markieren, damit keine andere Nation plötzlich auf die Idee kam, diese Insel zu beanspruchen. Hier oben für teilweise mehrere Jahre stationiert zu sein, kam wohl eher einer Verbannung gleich. Auf dem Friedhof von Dundas Harbour liegen denn auch zwei "Mounties", die offiziell beim Reinigen ihrer Waffe ums Leben gekommen sind. Vermutlich wollte man die tatsächliche Todesursache - also vermutlich Suizid - nicht in die Geschichtsbücher schreiben. Trotz dieser eher düsteren Vergangenheit war es spannend diesen Ort besuchen zu können.

Plan D

76°28'N | 81°15'W ● Fram Fjord | Nunavut | Canada

Ursprünglich sollten wir heute Vormittag den Jakeman Glacier im Jones Sound besuchen. Doch auf der geplanten Anlandestelle stand eine so hohe Dünung, dass an eine Anlandung mit den Zodiacs nicht zu denken war. Also Plan B: Eine neue Anlandestelle musste gefunden werden. Dies gelang zwar, doch wir waren nicht die ersten dort. Ein Eisbär hatte sich dort bereits niedergelassen. Und nachdem Eisbären hier zuhause und wir nur Gäste sind, hiess es für uns: weiterfahren. Denn an Land will man hier oben sicher keinem Eisbären begegnen.

Der Plan C war dann, den geplanten Nachmittagsstopp auf den Vormittag zu verlegen. Dies wäre eine Wanderung in ein Tal im Fram Fjord gewesen. Doch auch hier waren die Wellen zu hoch. Was dann Plan D in Aktion setzte: Im Fram Fjord wurde tatsächlich eine geeignete eisbärenfreie Landestelle gefunden. So setzten wir auf dieser Reise zum ersten Mal einen Fuss auf die nördlichste Insel der Welt, Ellesmere Island. Und auch die Plan-D-Wanderung war sehr schön.

Den Nachmittag nutzten wir, um einen noch nie von einem Expeditionsschiff befahrenen Fjord zu erkunden. So schön wie sich dieser Fjord, der Starne Fjord, präsentiert, überraschte uns dies eigentlich. Doch selbst unser mitreisender Ice Master, ein ehemaliger kanadischer Eisbrecherkapitän, der den Kapitän in Eisfragen berät, war noch nie hier. Wir konnten bei einem schönen Gletscher sogar an Land gehen und nochmals etwas wandern. 

Im Reich der Eisbären

78°45'N | 74°12'W ● Pim Island | Nunavut | Canada

Einen schönen Seetag lang fuhren wir nach Norden. Gegen Abend sichtete ein Matrose von der Brücke einen im Wasser schwimmenden Eisbären. Also gingen wir natürlich an Deck, um das majestätische Tier zu fotografieren. Dieser schwamm langsam der untergehenden Sonne entgegen. Was für ein toller Anblick! Doch wir konnten unser Glück kaum glauben: kurz hinter dem ersten Eisbären folgte ein zweiter. Wir wissen nicht, weshalb diese Tiere, die ja eigentlich Einzelgänger sind, so dicht hintereinander in dieselbe Richtung schwammen. Schön war's auf jeden Fall. Nach diesem Highlight ging's zum Abendessen. Doch als wir gerade die Suppe vor uns hatten, wurde eine Eisbärenmutter mit zwei Jungen auf einer Eisscholle gesichtet. Die Prioritäten waren sofort klar, denn wir waren ja der Eisbären und nicht der Suppe wegen hier in der Arktis! Wir konnten den drei Bären lange Zeit zuschauen. Immer wieder stellte sich einer davon auf die Hinterbeine und versuchte auszumachen, wer oder was wir denn wohl seien. Wir blieben in sicherer Distanz, um die Bären nicht zu beunruhigen. Letztlich mussten wir dann aber doch weiterfahren. Der Kapitän fuhr einen mehrere Meilen grossen Bogen um die Eisbärenscholle, damit die Eisbärenfamilie nicht verschreckt wurde.

Am folgenden Tag kamen wir bei der weit nördlich gelegenen Pim Island an. Die geplante Anlandung viel allerdings einem Eisbären zum Opfer. Denn ein sehr wohlgenährter Bär hat sich in der Nähe der geplanten Landestelle eingerichtet. Statt einer Anlandung konnten wir diesen Bären von den Zodiacs aus beobachten. Von einem Eisbären lässt man sich gerne eine Anlandung streichen.

Zwischen Kanada und Grönland

80°50'N | 66°39'W ● Hans Island | Canada? | Greenland?

In einem kalten Sommer ist die Nares Strait zwischen Kanada und Grönland meist mit dem Schiff befahrbar. Denn im Norden des Kennedy Channel sitzt ein Pfropfen aus mehrjährigem Eis. Solange dieser dicht hält, gibt es in der Nares Strait nur einjähriges Eis, das erstens im Sommer schmilzt und zweitens von einem Schiff wie der Hanseatic nature gut durchfahren werden kann. Wenn der Sommer aber warm ist, dann bricht dieser Eispfropfen auf und treiben grosse, alte Eisfelder Richtung Süden. Hier gilt also paradoxerweise "je wärmer, desto mehr Eis".

Letztlich liess es die Eislage aber zu, bis über den 80. Breitengrad zu fahren. Bereits frühmorgens kamen wir bei der Hans Insel an. Diese liegt genau in der Mitte des Kennedy Channel zwischen Grönland und Kanada. Und sie wird auch von beiden Nationen, also Kanada und Dänemark (das Grönland aussenpolitisch vertritt) beansprucht. Benannt wurde die Insel 1871 nach Hans Hendrik, einem Inuit, der aufgrund seiner Sprachkenntnisse (Inuktitut, Englisch, Dänisch) zahlreiche Polarexpeditionen begleitet hat. Im Jahre 1973 einigten sich Dänemark und Kanada auf den Grenzverlauf in der Region, wobei die Entscheidung, wem nun die Hans Insel zuzurechnen sei, erst einmal vertagt wurde. Auch beim neuen Grenzvertrag zwischen den beiden Ländern aus dem Jahre 2012 wurde die Hans Insel wiederum ausgeklammert. Und so hissen die Kanadier bei jedem Besuch der Insel ihre Flagge und hinterlassen eine Flasche kanadischen Whisky. Die Dänen rollen jeweils die kanadische Flagge ein und ziehen ihre eigene auf. Und sie hinterlassen eine Flasche dänischen Aquavit. Bis dann die Kanadier wieder auftauchen... Der Verbleib der Schnäpse des jeweilig anderen Landes ist nicht geklärt, wohl aber auch keine grosse Überraschung. Auf jeden Fall würde man sich wünschen, dass Grenzstreitigkeiten überall mit so viel Charme ausgetragen würden, auch wenn es eigentlich um einen ernsten Hintergrund geht.

Wir konnten sogar kurz einen Fuss auf dieses ehemalige Korallenriff setzen, das zu Urzeiten mal beim Äquator lag. Heute ist es ein vegetationsloser Stein- resp. Fossilhaufen, der aber aufgrund seiner Lage im Eis doch durchaus sehenswert ist. Die Hans Insel markierte auch den Umkehrpunkt dieser Reise. Von nun an geht's Richtung Süden.

Sturmtaufe

77°50'N | 73°14'W ● Baffin Bay

Vormittags hätten wir eine Anlandung in der verlassenen grönländischen Siedlung Etah machen wollen. Doch starker Wind und Seegang verunmöglichten dieses Vorhaben. Immerhin haben wir dort in der Nähe unseren zehnten Eisbären dieser Reise auf einer Eisscholle gesehen. Doch der Wind war kein gutes Zeichen. Über der Baffin Bay hat sich ein Sturmtief mit Windstärke 10 aufgebaut. Dieses würde in den nächsten Tagen genau über den Orten Siorapaluk, Qaanaaq und Thule liegen, welche wir eigentlich besuchen wollten. Daran war bei einem solchen Sturm nicht zu denken. Also musste eine Alternative her. Und diese sah wie folgt aus: Wir würden mitten durch den Sturm fahren und ein weiteres Mal die Baffin Bay durchqueren. Da wir entgegen dem Sturm fahren würden, wäre das ein kurzes aber heftiges Unterfangen. Das Ziel war nochmals Kanada: Baffin Island. Dass uns die kanadischen Behörden überhaupt nochmals eine Landeerlaubnis gegeben haben, nachdem wir ja eigentlich bereits in Richtung Grönland unterwegs waren, ist eine grosse Ausnahme. Aber was will man machen: Unser letzter Stopp war die Hans Insel. Und diese sehen die Kanadier ja als kanadisches Hoheitsgebiet an. Wir haben also Kanada nie verlassen...

Die folgenden gut 12 Stunden waren dann wirklich nicht angenehm. Bei anhaltender Windstärke 10 und 7 Meter hohen Wellen stampfte die drei Monate alte Hanseatic nature durch ihren ersten richtigen Sturm. Und man muss es ihr attestieren: sie liegt viel ruhiger im Wasser als sämtliche anderen Schiffe, die wir schon kennengelernt haben. Das macht einen solchen Sturm zwar nicht zu einem angenehmen Erlebnis, aber doch viel erträglicher.

Natürlich waren während dieser Sturmnacht alle Aussendecks geschlossen und selbst die Balkontüren auf den Kabinen durfte man nicht mehr öffnen. Die Wellen schlugen teilweise bis zur auf Deck 8 liegenden Observation Lounge hoch. Doch Passagiere und Schiff überstanden das Unwetter schadlos.

Gletscherzungen

71°44'N | 74°41’W ● Icy Arm | Baffin Island | Canada

Bei nur noch drei Meter hohen Wellen schaukelten wir am Vormittag Baffin Island entgegen. Diese Insel ist etwas vom Schönsten, was man in der Arktis landschaftlich vorfindet. Doch leider wird sie nur selten angelaufen. Wir hatten also dank dieses Sturmes letztlich das Glück, zu zwei Extratagen in dieser schönen Fjordlandschaft zu kommen. 

Als während der letzten Eiszeit vor 20'000 Jahren etwa 4000 Meter dickes Eis auf Nordamerika lag, wurde das Land darunter in die Tiefe gedrückt. So entstand quasi eine Wanne unter dem Eis. Der tiefste Punkt davon ist die heutige Hudson Bay. Die Wannenränder wurden in die Höhe gedrückt. Im Westen sind dies die Rocky Mountains, im Osten die Steilküste von Baffin Island. Diese Steilküste ist tief eingeschnitten von Fjorden. Einer davon ist der heute besuchte Icy Arm. Im Innern von Baffin Island gibt es noch einen kleinen Eisrest aus der letzten Eiszeit. Sehen werden wir diesen nicht, aber die Chancen sind gut, dass zumindest ein Teil des hier entstehenden Schmelzwassers noch aus der letzten Eiszeit stammt.

Die Anlandung bei einem Gletscher im Icy Arm war eine schöne Alternative zum eigentlich für diesen Tag geplanten Nordwestgrönland-Programm.

Tundrawanderung

70°36’N | 71°29’W ● Sam Ford Fjord | Baffin Island | Canada

Bereits frühmorgens konnten wir im Walker Arm des Sam Ford Fjordes an Land gehen. Auf dem Programm stand eine insgesamt rund zweistündige Wanderung zu einem Bergsee. Dort hätte man sogar ein Bad nehmen können, was aber bei einstelligen Wasser- und Lufttemperaturen nicht jedermanns Sache ist. Nach diesem endgültig letzten Stopp in Kanada machten wir uns auf den Weg, um die Baffin Bay ein viertes Mal zu überqueren. Die erste Überquerung führte uns von Grönland nach Kanada. Die zweite Überquerung war nur eine kurze, denn bei der Hans Insel ist die Baffin Bay, die dort Nares Strait heisst, nur wenige Meilen breit. Die dritte Überquerung war quasi von Nord nach Süd durch den Sturm, zurück nach Baffin Island. Und die vierte war nun die Überquerung der Davis Strait, wie man die südliche Baffin Bay bezeichnet. Faszinierend hierbei ist vor allem auch, dass all die langen Seestrecken im Winter mehrheitlich zugefroren sind. Man kann sich diese enormen Eisflächen fast nicht vorstellen.

Guter Hafen

69°15'N | 53°32'W ● Qequertarsuaq | Greenland

Nach einer ruhigen Überfahrt über die Davis Strait erreichten wir am frühen Nachmittag den Ort Qequertarsuaq auf der gleichnamigen Insel vor Grönland. Leichter von der Zunge geht da schon der deutsche Name der Insel: Disko Insel. Und auf Dänisch heisst der Ort mit dem schwierigen Namen Godhavn, also guter Hafen. Das war er denn auch, und schön obendrein. Genau 10 Tage ist es her, seit wir das letzte Mal in einer Ortschaft waren. Das war Pond Inlet in Kanada. Und hier muss man festhalten, dass Qequertarsuaq den Beauty Contest ganz klar gewinnt. So verbrachten wir einen sonnigen Nachmittag in diesem schmucken Ort. Immer wieder sahen wir zwischen den Häusern hindurch die Eisberge der nahegelegenen Disko Bucht hervorblitzen. 

Woher übrigens die Disko Insel und die Disko Bucht ihren Namen haben, ist nicht geklärt. Das Spektrum der Erklärungsansätze reicht von Duke's Bay (in Anlehnung auf den alten Walfänger Marmaduke) über einen nordischen Seefahrer mit Griechischkenntnissen (Discus, also Scheibe) bis hin zu einem offenbar hier versunkenen Schiff ähnlichen Namens. Und daneben gibt es noch zahlreiche Mythen und Sagen, die ebenfalls Erklärungen für diesen eigenartigen Namen bieten. Mit dem Nachtleben hat der Name aber definitiv nichts zu tun.

Wale

69°14'N | 51°9'W ● Ilulissat | Disko Bay | Greenland

Die Distanz zwischen Qequertarsuaq und Ilulissat beträgt nur 55 Seemeilen. Das wäre bei voller Geschwindigkeit locker in 4 Stunden machbar gewesen. Doch wir hatten dafür die ganze Nacht Zeit. Entsprechend ruhig war die Fahrt. In Ilulissat gibt es verschiedene Möglichkeiten, was man unternehmen könnte: einen Hubschrauberflug, eine Wanderung zum Eisfjord, einen Spaziergang durch den Ort etc. Wir entschieden uns für letzteres, kannten wir die anderen Optionen doch schon von früheren Reisen. Denn Ilulissat und die Diskobucht gehören praktisch zu jeder Grönlandreise dazu.

Bereits während dem Frühstück und auch am Mittag tauchten immer wieder Buckelwale beim Schiff auf und stiessen ihren typischen Blas aus. Wenn sie nicht ihre Fluke, die Schwanzflosse, zeigen, sind sie zwar nicht besonders fotogen, jedoch nicht minder beeindruckend. Es ist schon gewaltig, wie gross diese Tiere sind und mit welcher Ruhe sie durchs Wasser gleiten.

Am Nachmittag stand die letzte Zodiacausfahrt dieser Reise auf dem Programm. Rund eine Stunde lang fuhren wir zwischen Eisbergen hindurch und bewunderten die faszinierenden Formen dieser Giganten. Die meisten Eisberge werden von hier zunächst mit dem Westgrönlandstrom nach Norden getrieben. Irgendwo in der Gegend von Kap York ist dann der nördlichste Punkt ihrer Reise, bevor sie sich wieder auf den Weg nach Süden machen. Grosse Exemplare können dabei durchaus bis in den Nordatlantik treiben. Man vermutet, dass auch das Unglück der Titanic durch einen Eisberg aus der Diskobucht ausgelöst worden ist. 

Auch wenn es auf der Hanseatic nature viel weniger Kreuzfahrt-Traditionen gibt als auf der alten Hanseatic, so darf der Farewell Abend inkl. Shanty-Chor auch auf dem neuen Schiff nicht fehlen.

An der Pier

66°56'N | 53°28'W ● Sisimiut | Greenland

Sisimiut ist tatsächlich einer der wenigen Häfen in der Arktis, der eine Pier hat, die genug gross für ein Expeditionsschiff ist. Daher wird Sisimiut auch genutzt, um Treibstoff und nicht verderbliche Waren zu bunkern. Dass Sisimiut nach der Hauptstadt Nuuk die zweitgrösste Stadt Grönlands ist, merkt man aber nicht nur an der Pier. Hier gibt es mehrere (!) Supermärkte, Hotels, Restaurants und Souvenirshops. Besonders empfehlenswert ist ein lokaler Geologie-Shop, wo man neben dem Nationalstein Grönlands, dem Tugtupit, auch weitere bis zu 3 Milliarden Jahre alte lokale Gesteine kaufen kann. Wem der Sinn eher nach weicheren Sachen steht, ist im Geschäft Qiviut richtig. Dort gibt's alles aus Moschusochsenwolle - zwar nicht günstig, aber deutlich günstiger als wenn man das zuhause kaufen würde. 

Der Ortsteil beim Hafen ist besonders malerisch. Dort ist auch das lokale Museum untergebracht. Wir verbrachten den Vormittag mit Sightseeing und auch ein bisschen Shopping. Am Nachmittag stand dann das ungeliebte Kofferpacken auf dem Programm. Nach fast drei Wochen hatten wir uns so richtig gut eingerichtet in unserer Kabine...

Für den Abend kündigte der Kapitän nochmals etwas Seegang an. Doch einmal mehr lag die Hanseatic nature komplett ruhig im Wasser. Und dies, obwohl die See deutlich sichtbar bewegt war. Beim Rumpf und den Stabilisatoren haben die Ingenieure bei diesem Schiff also definitiv alles richtig gemacht.

Polarlichter

66°57'N | 50°57'W ● Kangerlussuaq | Greenland

Was fehlt noch auf einer Reise, wo wir Eisbären, Robben, Wale und Eisberge gesehen haben? Genau, Polarlichter. Und die sahen wir im Sondrestrom Fjord kurz nach Mitternacht an unserem Aussteigetag. Was für ein toller Abschluss einer wunderbaren Reise!

Der Rest ist schnell erzählt: Nach dem Ausschiffen machten wir noch eine kurze Rundfahrt und fuhren dann zum Kangerlussuaq Rowing Club, wo ein leckeres BBQ auf uns wartete. Und danach ging's auch schon weiter zum Flughafen. Die für ihre Gründlichkeit berüchtigte Sicherheitskontrolle war heute unauffällig, so wie man das von anderen Flughäfen auch kennt. Wir haben hier auch schon erlebt, dass jeder Passagier alles auspacken musste.

Beim Rückflug überquerten wir zum sechsten Mal auf dieser Reise den Polarkreis, wovon man allerdings in der Luft noch weniger mitkriegt als auf dem Schiff. Wir blicken einmal mehr zurück auf eine wunderschöne Reise mit vielen einzigartigen Tier- und Naturbeobachtungen.

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BAFFIN BAY

2019

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baffin bay impressions

2019