Churchill 2018

Churchill liegt in Manitoba, Kanada. Mit einer nördlichen Breite von rund 58° liegt es in der Sub-Arktis. Doch das trockene, kalte Klima an der Hudson Bay sorgt dafür, dass hier sowohl Fauna wie auch Flora sehr arktisch anmuten. Bereits im November sind hier -20°C keine Seltenheit. Und genau zu dieser Zeit kommen die Eisbären der Hudson Bay an die Küste und warten, bis diese zufriert und die Bären auf dem Eis auf Robbenjagd gehen können. Unsere Reise nach Churchill fand zu dieser Bären-Hochsaison statt und ermöglichte uns einmalige, berührende Begegnungen. Denn in den Lodges von Churchill Wild kann man Bären nicht nur aus grosser Distanz betrachten, sondern regelrecht mit ihnen spazieren.

Reisevorbereitungen

Bisher waren wir immer im Sommer in die Arktis gereist. Dann herrschen auch in den Polarregionen Temperaturen, die sich im leicht positiven Bereich bewegen. Im November sieht dies anders aus: Dann sind Temperaturen von -20°C durchaus üblich. Hinzu kommt noch der Wind Chill. Wenn man bei diesen Temperaturen mehrstündige Wanderungen in der Tundra unternehmen will, muss man sich richtig warm anziehen. Also packten wir die wärmsten langen Unterhosen, diverse Schichten an Shirts und Jacken, warme Socken, Handschuhe, Mützen usw. ein. Bis -40°C geprüfte Sorel Schuhe, Canada Goose Expedition Parkas und eine Grosspackung Hand- und Fusswärmer rundeten unsere Expeditionsausrüstung ab. Doch würden auch unsere Kameras solche Temperaturen aushalten? Wir packten auf jeden Fall genügend Reserve-Akkus und luftdichte Beutel fürs Wiederaufwärmen der kalten Kameras ein. Bei einer Gepäcklimite von 20kg in einer weichen Segeltuchtasche war dies schon ziemlich herausfordernd.

Winnipeg

49°53‘N | 97°12‘W ● Kanada

Schon die Anreise nach Churchill ist mit einem gewissen Aufwand verbunden. So flogen wir zuerst von Zürich über Frankfurt nach Toronto. Nachdem wir dem Zollbeamten erklärt hatten, dass wir nach Churchill zu den Eisbären reisen, meinte dieser, das sei „awesome“ und liess uns problemlos einreisen. Auch der Flug nach Winnipeg klappte problemlos und so kamen wir spät abends in der Hauptstadt von Manitoba an.

Am nächsten Tag erkundeten wir Winnipeg. Bei winterlichem Wetter besuchten wir diverse Highlights der Stadt, u.a. zwei Museen und ein historisches Quartier beim Zusammenfluss des Red Rivers und des Assiniboine Rivers, das bezeichnenderweise „The Forks“ heisst.

Unsere Reise wurde durch Background Tours organisiert und durch Sylvia Stevens begleitet. Im Flughafen-Hotel The Grand fand als offizieller Auftakt zu dieser Reise ein gemeinsames Abendessen mit unserer Reisegruppe statt.

Seal River Heritage Lodge

58°46‘N | 94°10‘W ● Kanada

Unser Flug nach Churchill sollte bereits frühmorgens starten. Doch schwierige Wetterverhältnisse und die grossen Fracht- und Gepäckmengen sorgten für eine rund zweistündige Verspätung. Wir vermuteten, dass das grosse Frachtaufkommen damit zusammenhing, dass die Eisenbahnlinie von Winnipeg nach Churchill seit rund 18 Monaten unterbrochen war. Daher ist Churchill im Winter nur per Flugzeug erreichbar.

Der Flug nach Churchill verlief angenehm. Bei -8°C und einem steifen Wind waren wir beim Aussteigen in Churchill froh, dass wir bereits unsere warme Winterkleidung trugen. Und nach einer kurzen Wartezeit in dem kleinen Flughafengebäude starteten wir bereits mit zwei Propellermaschinen in die rund 60 Kilometer entfernte Seal River Heritage Lodge. Diese liegt direkt an der Hudson Bay, quasi „in the middle of nowhere“. Die Lodge ist komplett autark und wurde hier vor 25 Jahren von der Familie Reimer aufgebaut und laufend erweitert. Heute umfasst sie 8 Gästezimmer, eine enorm gemütliche Lounge und einen Speisesaal. Alle Räume haben eine tolle Aussicht auf die Bay oder in die Tundra. 

Nach unserer Landung auf einer Schotterpiste wurden wir mit einem kleinen Truck mit Anhänger abgeholt. Einerseits mussten wir so unser Gepäck nicht schleppen und andererseits würden wir so auch keinen Eisbären begegnen. Dass diese Möglichkeit besteht, zeigte sich bereits nach wenigen Metern. Aus dem Gebüsch tauchte ein Eisbär auf und trottete gemütlich neben uns her. Was für ein Empfang!

Nach dem Mittagessen wurden wir informiert, wie man in freier Wildbahn mit Eisbären umgehen muss. Denn bei der Seal River Heritage Lodge beobachtet man Eisbären nicht nur aus der Lodge raus, sondern geht mit den Eisbären regelrecht spazieren. In der 25-jährigen Geschichte der Seal River Heritage Lodge gab es noch nie einen Zwischenfall mit einem Bären. Damit dies so bleibt, sind einige Vorsichtsmassnahmen notwendig. Meist nimmt ein Bär sowieso Reissaus, wenn er einer Gruppe von Menschen begegnet. Bleibt er und zeigt durch sein Verhalten, zum Beispiel indem er wegschaut oder sich gar hinlegt, dass er uns „duldet“, dann kann man sich als Gruppe in Einerkolonne bis maximal 100 Meter nähern. Merkt man, dass ein Bär unruhig wird, so bedrängt man ihn natürlich nicht und geht weg. Und sollte ein Bär wirklich mal auf einen zugehen oder angreifen, dann würden die folgenden Massnahmen von den immer mindestens drei Guides ergriffen:

  1. Rufen (Bären kennen keine Stimmen und erschrecken deshalb meist genug, um wegzulaufen)

  2. Zwei Steine zusammenklopfen (das klingt für Bären gefährlich)

  3. Einen Stein werfen (sollte man den Bären treffen, würde er ob der ungewohnten Berührung wohl davonlaufen)

  4. Mit der Schreckschusspistole schiessen

  5. Den Bärenspray, einen Pfefferspray für Fortgeschrittene, einsetzen

  6. Mit der grosskalibrigen Waffe schiessen (was natürlich unbedingt zu vermeiden ist und auch bei allen drei Lodges von Churchill Wild noch nie vorgekommen ist)

So vorbereitet machten wir uns auf eine erste Wanderung im Eisbärenland. Und tatsächlich sahen wir schon bald eine junge Eisbärin. Sie hatte auf dem Rücken eine grüne Markierung und trug einen Satellitensender im Ohr. Das deutete darauf hin, dass sie der Stadt Churchill mal zu nahe gekommen war und im dortigen Eisbärengefängnis einquartiert wurde, bis sie dann in die Wildnis ausgeflogen wurde. Wir nannten sie daher „Prison Girl“...

Nach dieser wunderbaren Begegnung genossen wir eine kurze warme Dusche. Kurz deshalb, weil hier sämtliches Wasser per Tankanhänger aus einem Eisloch eines nahegelegenen Sees gepumpt, hergefahren und erwärmt werden muss. Da will man nicht unnötig Energie verschwenden. Das Abendessen war unglaublich lecker - die Churchill Wild Lodges sind bekannt für ihre gute Küche. 

Am nächsten Tag starteten wir gleich nach dem reichhaltigen Frühstück zu einer Wanderung. Trotz -16°C und Schneesturm genossen wir die Landschaft und konnten zwei Bären in einiger Distanz beobachten. Doch beide wollten nichts mit uns zu tun haben. Daher machten wir uns auf den Rückweg zur Lodge, wo wir uns wieder etwas aufwärmten. Bei mittlerweile windstillem Wetter machten wir uns auf zu unserem Afternoon Walk. Ausser ein paar Schneehühnern, die bereits ihr weisses Winterkleid trugen, sahen wir keine Tiere. Direkt bei der Lodge sichteten wir dann aber einen Eisbären im Gebüsch. Wir schlichen zurück zur Lodge und konnten den Bären, es war wieder Prison Girl, von innerhalb des Sicherheitszauns aus nächster Nähe sehen und fotografieren. Ein Sprichwort hier lautet „When you look a polar bear in the eye, it changes your life“ - stimmt!

Der nächste Tag war bärenfrei. Auf zwei insgesamt 14 Kilometer langen Wanderungen sahen wir keine Tiere, jedoch wunderbare Licht- und Wolkenstimmungen. Ein grosser Teil der Wanderung führte uns über zugefrorene Seen und durch verschneite Gräser- und Buschlandschaften. Das hat uns mehr als nur entschädigt für das Ausbleiben der Bären. 

Wir waren erst kurz im Bett, als es an unsere Türe klopfte. Polarlichter! Das liessen wir uns natürlich nicht zweimal sagen. Also wieder rein in die Winterkleider, Kamera und Stativ geschultert und raus...  Tatsächlich flackerten am Himmel spektakuläre Polarlichter. Trotz der eisigen Kälte waren wir bestimmt eine Stunde am Fotografieren und Geniessen. Umso besser schliefen wir danach, wobei die warmen Bettflaschen, die uns von den netten Hosts der Lodge bereitgestellt wurden, sicher auch ihren Teil dazu beigetragen haben.

Bei windigem und kaltem Wetter machten wir am nächsten Morgen nur eine kleine Wanderung. Denn kaum waren wir weg, wurde Prison Girl bei der Lodge gesichtet. Das wollten wir nicht verpassen und machten uns daher auf den Rückweg zur Lodge. Kurze Zeit später sichteten wir einen weiteren Bären. Als er sich näherte, sahen wir, dass es sich um einen alten, schwachen Bären handelte. In der Lodge war er gut bekannt und wurde Pete genannt. Er sei schon über 20 Jahre alt und komme jedes Jahr zur Lodge. Man konnte deutlich erkennen, wie gross und mächtig Pete einst gewesen sein muss. Doch nun war er schwach und müde, ein alter Kämpfer am Ende seiner Tage. Sein Gesicht, seine Augen, seine zahlreichen Narben und seine riesigen Pfoten erzählten die Geschichte eines echten Königs der Arktis. Ein so beeindruckendes Tier so alt und schwach zu sehen, war eine der emotionalsten Begegnungen, die wir je erlebt haben. Viele von uns waren wirklich zu Tränen gerührt. Auch andere Bären behandeln solche Veteranen mit viel Respekt. Ein jüngerer Bär habe sogar mal etwas Fressbares übrig gelassen, damit Pete, der wohl nicht mehr jagen mochte, etwas zu fressen hatte.

Nach diesem emotionalen Vormittag machte sich am Nachmittag nur noch ein kleiner Teil der Reisegruppe auf den Afternoon Walk. Wir waren dabei und wurden mit wunderbaren Lichtstimmungen und einer erneuten, kurzen Begegnung mit Prison Girl belohnt.

Als ob dieser Tag nicht schon ereignisreich genug gewesen wäre, zeigten sich am Nachthimmel wieder Polarlichter. Diese waren intensiver und bunter als alles, was wir je gesehen hatten. Unsere Kameras hatten also nochmals eine Nachtschicht vor sich.

Der letzte Morgen in der Lodge war sehr kalt, inkl. Wind Chill waren es heute -25°C. Umso spektakulärer präsentierte sich die dampfende Hudson Bay im Licht der Morgensonne. Nicht mehr lange und die Bay würde zugefroren sein. Unser Flug zurück nach Churchill wurde zunächst auf unbestimmte Zeit verschoben, weil in Churchill wegen Nebels keine Starts und Landungen möglich waren. Die so gewonnene Zeit genossen wir in der gemütlichen Lounge der Lodge. Und plötzlich tauchten zwei Bären nahe bei der Lodge auf. Einer kam so nahe an den Sicherheitszaun, dass wir ihn fast hätten berühren können. Das Fotografieren war mit dem viel zu langen Teleobjektiv aber eine Herausforderung... Was für ein wunderschöner Abschluss unseres Aufenthalts in der Seal River Heritage Lodge. Wir waren uns einig, dass dies das Schönste war, was wir bisher erlebt hatten.

In Churchill hatte sich der Nebel mittlerweile verzogen und so konnten wir unseren Rückflug mit den Propellermaschinen antreten. Es war spannend zu sehen, wie stark sich das Eis in den letzten vier Tagen bereits verändert hatte. Schon bald würde die Bay komplett zufrieren und die Eisbären zum grossen Fressen aufbrechen...

Churchill

58°46‘N | 94°10‘W ● Kanada

Nach der Landung in Churchill fuhren wir ins Aurora Inn, unsere Unterkunft für die nächsten Tage. Ein spätes Mittagessen im benachbarten Tundra Inn machte uns fit für die folgende Rundfahrt durch Churchill. Erst bei Einbruch der Dämmerung waren wir zurück im Aurora Inn. Doch statt des geplanten Abendessens gab‘s zuerst einen Blackout. Plötzlich war alles dunkel, und zwar nicht nur in unserem Hotel, sondern in ganz Churchill. Respektive sogar in ganz Nord-Manitoba, wie wir über Twitter erfuhren. So ohne Strom in einer abgelegenen Siedlung bei -15°C macht man sich schon einige Gedanken... Doch nach einer knappen Stunde war alles wieder in Ordnung. Sogar ein warmes Abendessen im Tundra Inn gab‘s.

Am nächsten Tag fuhren wir mit einem Tundra Buggy übers Land. Diese umgebauten LKWs haben riesige Reifen, damit sie den empfindlichen Tundra-Boden nicht unnötig beschädigen. Zudem dürfen sie nur auf den vorgegebenen Tracks fahren. Die Eisbären sind bekanntermassen neugierig und kommen durchaus auch mal direkt bis ans Fahrzeug. Weil man im Fahrzeug gut geschützt ist, ist das kein Problem. Nur fürs Fotografieren muss man daran denken, dass man bei einer so nahen Eisbärenbegegnung mit dem 400mm-Teleobjektiv nur noch die Nasenspitze draufkriegt. Wir hatten riesiges Glück und haben diverse einzelne Eisbären, eine Eisbärenmama mit Jungem und zwei zum Spass kämpfende Eisbären gesehen. Alles, was man sich wünschen konnte! Erst nach Sonnenuntergang waren wir zurück in Churchill. Wie zu allen Mahlzeiten assen wir auch an diesem Abend im Tundra Inn. Das Essen schmeckte gut, auch wenn es natürlich vor allem schnell gehen muss - denn November ist hier Hochsaison.

Am nächsten Tag unternahmen wir eine Rundfahrt durch Churchill. Neben dem sehenswerten Museum machten wir einen Stopp beim Postamt. Denn der Poststempel von Churchill ist ein Muss, sei es auf einer Postkarte oder im Reisepass. Weiter ging’s zum Eisbären-Gefängnis, das korrekterweise eigentlich Polar Bear Holding Facility heisst. Dieser alte Flugzeughangar dient als temporäre Behausung für Eisbären, die der Stadt Churchill zu nahe kommen. Früher hat man Bären, die eine Gefahr für die Menschen darstellten, erschossen. Da scheint die heutige Methode, die Tiere einzusperren und nach einigen Tagen oder Wochen mit dem Hubschrauber weit weg vom Churchill wieder auszusetzen, doch um einiges humaner. Besichtigen kann man dieses Gefängnis nur von aussen.  Drinnen ist es dunkel und die Bären kriegen nur Wasser. Früher hat man die Bären offenbar auch gefüttert. Das hat dazu geführt, dass manchmal auch Bären ins Gefängnis eingebrochen sind, weil es ihnen dort so gut gefallen hat. Dass wir beim alten Hangar mit unserem Bus in einer Schneeverwehung stecken geblieben sind und erst mal kräftig schaufeln mussten, ist eine andere Geschichte... Doch hat auch dieses Erlebnis viel Spass gemacht!

Der nachfolgende Rundgang durch den Ort war rasch abgeschlossen. Denn abgesehen von einigen Souvenirshops, einem Supermarkt und einem Baumarkt, gibt es entlang der Main Street nicht viel zu erkunden. Weiter ging’s in den nahe gelegenen nordischen Wald zu einem Schlittenhundeführer. Mit seinem Team Wapusk hat er schon zahlreiche Rennen gewonnen. Und auch wir hatten die Möglichkeit, eine (geführte) Runde mit dem Hundeschlitten zu fahren. Es war faszinierend, wie viel Spass die Hunde am Laufen und Schlitten ziehen haben. Und damit hatten natürlich auch wir einen tollen Nachmittag. 

Den letzten Vormittag in Churchill verbrachten wir nochmals auf einem Tundra Buggy. Wir sahen wiederum einige Eisbären. Einer stellte sich beim Buggy sogar auf die Hinterbeine! Spannend war auch, die stetigen Veränderungen des Eises in der Hudson Bay zu beobachten. Vorgestern mit Nordwind war das Eis dicht an der Küste. Und heute mit Südwind trieb es wieder weit draussen in der Bay. Für uns war das positiv, denn solange die Bay noch nicht zugefroren war, konnte man an Land Eisbären sichten. Die Bay friert übrigens überraschenderweise von Süden nach Norden zu. Das liegt daran, dass im Süden einige Flüsse Süsswasser in die Bay schwemmen. Und da Süsswasser früher gefriert, bildet sich das erste Eis der Hudson Bay immer im Süden.

Nach diesem schönen Abschluss machten wir uns auf den Weg zum Flughafen. Und nach einem zweistündigen Flug waren wir schon wieder zurück in Winnipeg.

Rückreise

Ein letztes Abendessen in Winnipeg und dann ging‘s am nächsten Morgen über Toronto zurück nach Zürich. 

Es wird wohl noch lange dauern, bis wir ganz begreifen, was wir in diesen 10 Tagen alles erlebt und gesehen haben. Definitiv war dies die bisher schönste Reise, die wir je unternommen haben. Wiederholung also durchaus nicht ausgeschlossen!