Nordkap 2008

In Bezug auf Reisen in die Polarregionen gibt es zwei Arten von Menschen: die einen haben es nach einer Reise gesehen, die anderen werden vom “Polarvirus” infiziert und bereisen diese Regionen immer wieder. Wir gehören definitiv zur zweiten Gruppe. Unsere “Infektion” fand wohl 2008 auf einer Reise mit der MS Europa ans Nordkap statt.

Kiel

54°20’N | 10°8’E ● Deutschland

Bereits beim Packen für unsere Nordlandreise mussten wir feststellen, dass Badeferien im Süden kleidungstechnisch einfacher sind. Denn im hohen Norden muss man wettermässig mit allem rechnen: es kann genauso wie in Mitteleuropa 30°C warm sein. Doch ebenso wahrscheinlich sind Temperaturen im einstelligen Bereich - und dann kommt noch der Wind dazu.

Mit viel Gepäck flogen wir von Zürich nach Hamburg. Nach einer Übernachtung ging’s per offiziellem Transfer der Reederei Hapag-Lloyd weiter nach Kiel, wo die MS Europa bereits für uns bereit stand. An sich haben wir für diese Reise nicht das Schiff, sondern die Route ausgewählt. Denn wir wollten unbedingt mal bis zum Nordkap fahren.

Wir haben uns auf der MS Europa sogleich wohl gefühlt. Wie auf allen Reisen fand zuerst die obligatorische Rettungsübung statt. Dieser “Drill” ist sinnvoll, damit in einem - unwahrscheinlichen - Notfall alle wüssten, was zu tun ist. Gerade bei einer Fahrt in kalte Gewässer ist dies enorm wichtig.

So fuhren wir schon bald aus der Kieler Förde raus in die ruhige Ostsee.

Kattegat & Skagerrak

57°50’N | 9°4’E

Unser erster Tag auf dieser Reise war ein Seetag. Und solange wir in der Ostsee fuhren, war dieser auch schön ruhig und angenehm. Doch kaum hatten wir das Kattegat in Richtung Skagerrak verlassen, nahm der Seegang merklich zu. Die MS Europa stampfte und rollte so stark, dass nach einigen Überschwemmungen an Deck auch der Pool ausgelassen werden musste.

Wir stellten bei dieser Gelegenheit fest, dass Christoph seefest ist, Fabienne aber nicht. Dank des an sich aber sehr guten Wetters konnten wir den Tag unter Wolldecken auf den Liegestühlen im Freien verbringen. Die frische Luft, die Errungenschaften der Reisemedizin und der sich allmählich beruhigende Seegang sorgten dann dafür, dass wir beide das Kapitänsdinner am Abend bereits wieder voll geniessen konnten.

Vik & Flåm

61°3’N | 6°35’E ● Norwegen

Der erste Landgang in Norwegen führte uns in den Ort Vik. Von dort ging’s per Bus zur bekannten Stabkirche Hopperstad. Diese ist komplett aus Holz gebaut und stammt aus dem 12. Jahrhundert. Leider wurde sie bei unserem Besuch gerade renoviert und war zumindest von aussen mit einem Baugerüst verstellt. Auf der weiteren Fahrt nach Myrdal besuchten wir diverse Häuser mit Grasdächern und genossen die schöne Aussicht auf die Fjorde.

In Myrdal bestiegen wir dann die traditionsreiche Flåmsbana, die Bahn von Myrdal nach Flåm. Vorbei am imposanten Wasserfall Kjosfossen fuhren wir über diverse Kehren und durch zahlreiche Tunnels bis nach Flåm. Die MS Europa ist in dieser Zeit ebenfalls von Vik nach Flåm gefahren, so dass wir gleich wieder an Bord gehen konnten.

Kapitän Akkermann informierte uns, dass einer der Azipod-Antriebe der Europa ausgefallen sei. Daher könne die MS Europa nur mit halber Kraft weiterfahren. Spätestens im nächsten Hafen solle das Problem aber behoben werden können.

Molde & Åndalsnes

62°44’N | 7°10’E ● Norwegen

Da unsere Kabine einen Blick nach hinten aufs Kielwasser hatte, konnten wir beim Aufstehen mit Beruhigung feststellen, dass offenbar wieder beide Antriebe funktionierten. Unserer weiteren Reise sollte also nichts im Weg stehen.

Bei wunderbarem Sonnenschein erreichten wir den Hafen der Rosenstadt Molde. Rosenstadt deshalb, weil hier wegen des erstaunlich milden Klimas Rosen wachsen, obwohl diese normalerweise nur weit südlicher zu finden sind.

Mit einer Fähre fuhren wir zunächst auf die andere Seite des Moldefjords. Von dort brachte uns ein Bus über zahlreiche Serpentinen auf den Trollstigen. Trotz mittlerweile bedecktem Himmel war die Fahrt sehr sehenswert.

Unser Ziel war aber letztlich Åndalsnes. Und wie schon am Vortag “verholte” die Europa auch dieses Mal an unseren Zielort und stand in Åndalsnes zum Einstieg bereit.

Trondheim

63°26’N | 10°24’E ● Norwegen

Unsere Reise Richtung Nordkap führte uns immer weiter in Richtung Polarkreis. Doch bevor wir diesen erreichten, stand ein weiterer Landgang an der norwegischen Küste auf dem Programm. Auch dieser Tag war wieder sonnig und mild. Hatten wir unsere warmen Kleider umsonst mitgebracht?

Der erste Stopp unserer Rundfahrt führte uns zu einer verlassenen Mine. Mit Helmen ausgerüstet konnten wir diese besichtigen. Auch wenn die früheren Minenarbeiter vielleicht etwas kleiner waren als wir, würde man einen solchen Arbeitsort sicherlich niemandem wünschen. Dennoch war die Besichtigung sehr interessant.

Mit einer alten Eisenbahn fuhren wir dann über Land zurück nach Trondheim. Hier blieb sogar noch Zeit für einen kurzen Stadtrundgang.

Lofoten

68°9’N | 13°37’E ● Norwegen

We’ve done it! In der letzten Nacht haben wir zum ersten Mal bewusst den Polarkreis überquert. Bewusst deshalb, weil wir auf Flügen nach Nordamerika durchaus schon nördliche Routen jenseits des Polarkreises geflogen sind. Doch auf dem Boden ist das halt was anderes, da man sich viel eher bewusst wird, wo man sich eigentlich befindet. Nun ist es ja nicht so, dass es “auf der anderen Seite” anders aussieht. Doch irgendwie ist es schon ein spezielles Gefühl!

Bei weiterhin traumhaftem Wetter legten wir heute in Gravdal auf den Lofoten an. Die Lofoten machen an einem so sonnigen Tag jedem Strand in der Südsee oder Karibik Konkurrenz - mal abgesehen vielleicht von den Wassertemperaturen.

Über diverse Brücken fuhren wir in einen kleinen Ort mit dem kurzen Namen Å. Nach dem Besuch des Stockfisch-Museums ging’s weiter zum komplett denkmalgeschützten Ort Nusfjord. Dieser kleine Ort ist wirklich malerisch mit seinen gelben und roten Häusern. Das Ufer des Fjordes säumten viele Rorbuer, also Fischerhütten. Heute werden diese teilweise auch als Ferienhäuser genutzt.

Am Nachmittag kehrten wir zurück auf die Europa. Dort wartete eine Überraschung auf uns. Die MS Europa führt 12 Expeditionsschlauchboote, sogenannte Zodiacs, mit. Diese werden an besonders schönen Orten für Ausfahrten genutzt. Und offensichtlich befand Kapitän Akkermann, dass es sich hierbei um einen solchen Ort handelte. So kamen wir zu unserer ersten Zodiacfahrt - und es war uns schnell klar, dass das keinesfalls die letzte bleiben dürfte.

So endete dieser wunderbare Tag auf den Lofoten mit dem Ablegen von Gravdal. Die MS Europa fuhr dem Sonnenuntergang entgegen, weiterhin Kurs Nord. Wegen der nördlichen Breite wurde es gar nicht mehr komplett dunkel.

Nordkap

71°10’N | 25°47’E ● Norwegen

Aufgrund der grossen Distanz zwischen den Lofoten und dem Fischerdorf Skarsvåg am Fusse des Nordkaps war die Ankunft erst am Abend geplant. Diesen Fast-Seetag nutzten wir, um das Schiff ausgiebig zu erkunden. So konnten wir beispielsweise den Maschinenraum besichtigen. Es war faszinierend zu sehen, welche Technik nötig ist, um eine schwimmende Kleinstadt mit rund 700 Personen zu betreiben. Wir lernten, wie aus Salzwasser Süsswasser gewonnen wird, wie Abwasser gereinigt wird, wie der Strom für die beiden Azipod-Antriebe und für das gesamte Schiff erzeugt wird und vieles mehr.

Wären wir wegen der Landschaft Norwegens und den hellen Nächten nicht sowieso schon zu Nordland-Fans geworden, so hätte uns spätestens die folgende Begegnung “den Rest gegeben”. In der Fotogalerie der MS Europa waren nämlich nicht nur Fotos unserer aktuellen Reise ausgestellt, sondern auch der Vorgängerreise. Diese führte die MS Europa nach Spitzbergen - Eisberg- und Eisbärensichtungen inklusive. Einfach traumhaft! Und “unglücklicherweise” stand auch im folgenden Jahr wieder eine solche Expedition Spitzbergen mit zahlreichen Zodiac-Ausfahrten und -Anlandungen auf dem Programm. Wir haben natürlich gleich gebucht. Und so wurde aus einer Reise ans Nordkap letztlich eine Liebe zur Arktis, die uns noch viele Male in diese Region führen würde.

Doch zunächst erreichten wir nun Skarsvåg, von wo uns nach dem Abendessen diverse Busse zum Nordkap fuhren. Das Nordkap gilt als nördlichster Punkt des europäischen Festlandes. Nun ist das Nordkap aber weder der aller-nördlichste Punkt Europas, noch auf dem Festland gelegen. Doch das stört kaum, denn der Felsen ist tatsächlich viel markanter als der eigentlich nördlichste Punkt des europäischen Festlandes. Aus touristischer Sicht ist diese kleine Schummelei also nachvollziehbar.

Am Nordkap gibt es sehr oft Nebel und starken Wind. Währenddem letzterer auch bei uns blies, war von ersterem nur gerade so viel zu sehen, dass es wunderschöne Fotos ermöglichte. Auf jeden Fall verbrachten wir viel Zeit bei der bekannten Nordkap-Kugel und waren zum ersten Mal auf dieser Reise richtig froh um alles, was wir an warmen Kleidern mitgebracht hatten.

Erst weit nach Mitternacht fuhren wir zurück zum Schiff. Weil es draussen immer noch hell war, war natürlich an Schlafen nicht zu denken. So genossen wir noch den einen oder anderen Absacker in der schönsten Bar auf See, der Sansibar, mit Blick aufs Kielwasser.

Tromsø

69°39’N | 18°57’E ● Norwegen

Wenn man vom Nordkap her kommt, dann erscheint Tromsø schon wieder recht südlich. Doch auch diese Stadt, die Paris des Nordens genannt wird, liegt immer noch deutlich nördlich des Polarkreises. Am bekanntesten ist Tromsø für den Hausberg, den Storstein, und für die Eismeerkathedrale. Beides besichtigten wir ausgiebig. Und am Abend veranstalteten einige mitreisende Künstler sogar ein exklusives Konzert in der Eismeerkathedrale.

Wir genossen den Tag in Tromsø sehr und freuten uns, dass Tromsø auch auf der geplanten Spitzbergen-Reise im nächsten Jahr wiederum ein Stopp sein würde.

Trollfjord

68°21’N | 14°58’E ● Norwegen

An sich stand heute ein Seetag auf dem Programm. Aber der Kapitän liess sich etwas einfallen, um uns auch heute zu überraschen. Denn auf dem Weg lag der kleine, enge Trollfjord. An der engsten Stelle ist er nur 100 Meter breit und daher für grössere Schiffe nicht passierbar. Und auch wenn die MS Europa bei weitem nicht so breit ist, kamen die Felswände doch sehr nahe ans Schiff. Trotz Regenwetters war dies eine gelungene Premiere für die MS Europa - und für uns. Den restlichen Tag verbrachten wir drinnen und genossen das Schiff und die leckeren Mahlzeiten…

Geiranger

62°6’N | 7°12’E ● Norwegen

Der Geirangerfjord ist wohl das Postkartenmotiv Norwegens schlechthin. Und trotz mittelmässigen Wetters konnten wir die Schönheit der Landschaft geniessen. Mit Wasserfällen, die “7 Schwestern” oder “Freier” heissen, und mit Felsen, die versteinerte Trolle darstellen sollen, ist dies wirklich ein mystischer Ort.

Wir machten einen Ausflug auf den Aussichtsberg Dalsnibba. Wobei sich die Aussicht vom Gipfel auf dichten Nebel beschränkte. Doch die Fahrt hin und zurück war durchaus sehenswert und an der einen oder anderen Stelle auch ziemlich abenteuerlich.

So genossen wir einen weiteren Tag in Norwegen. Wettermässig war uns schon klar, dass dies eigentlich eher typisches Norwegenwetter war als unsere erste, sehr sonnige Woche.

Bergen

60°23’N | 5°20’E ● Norwegen

Bergen hat den Ruf, die Regen-Hauptstadt Norwegens zu sein. Daher waren unsere Erwartungen in Bezug auf das Wetter doch eher bescheiden. Umso erfreuter waren wir, als wir bei strahlendem Sonnenschein und milden Temperaturen in Bergen an der Pier festmachten. Mit dem alten Handelsquartier Bryggen und dem Fischmarkt am Hafen ist Bergen wirklich eine malerische Stadt. Wir genossen einen ausgiebigen Rundgang durch die alten Häuser und Gassen.

Nach fast zwei Wochen in kleinen und kleinsten Orten mussten wir uns zuerst wieder an die vielen Leute gewöhnen, die hier unterwegs sind. Während wir den Tag in Bergen genossen, trat ein Teil unserer Crew zu einem sportlichen Wettkampf an: Ein Fussballturnier gegen die Crew eines anderen, ebenfalls im Hafen liegenden Kreuzfahrtschiffs. Solche Freundschaftsspiele haben Tradition und sorgen im sehr stressigen Arbeitsalltag der Besatzung für etwas Abwechslung.

Wenn man in Bergen weder Sightseeing macht, noch Fussball spielt, dann kauft man sich am besten norwegische Erdbeeren auf dem Markt. Denn diese sind wegen des ausgeglichenen Klimas (Golfstrom sein Dank) und den langen Tagen viel grösser und süsser als ihre südliche Variation.

Die Ausfahrt aus dem Hafen von Bergen, vorbei an den Schären-Inseln, war ein würdiger Abschluss unseres letzten Landgangs dieser wunderbaren Reise.

Kiel

54°20’N | 10°8’E ● Deutschland

Von Bergen bis Kiel ist die Distanz so gross, dass man dafür einen ganzen Seetag benötigt. Das war auch gut so, denn so konnten wir die Erlebnisse der letzten Tage nochmals in Ruhe Revue passieren lassen. Und dann stand ja auch noch das durchaus ungeliebte Kofferpacken auf dem Programm.

Doch so sehr uns der Abschied vom Norden und auch von der MS Europa schwer gefallen ist, so sehr freuten wir uns schon auf den nächsten Sommer. Denn dann würden wir von Hamburg aus nach Island, Spitzbergen und Norwegen fahren. Eine tolle Aussicht…!